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Staatliche und Entwicklerinteressen bei Offshore-Wind Ausschreibungen besser in Einklang bringen Interview mit Lara Schech zur Studie von EnBW und Frontier Economics über Änderungsvorschläge des Auktionsdesigns

Der Ausbau von Offshore‑Windparks ist essenziell für die deutsche Energiewende. Die dafür vorgesehenen Flächen versteigert die Bundesnetzagentur (BNetzA). Im August 2025 gingen zwei Auktionen ohne Gebot zu Ende. Verbänden zufolge ein Novum. Als Ursache wird ein veraltetes Auktionsdesign angeführt, das Risiken einseitig bei den Projektentwicklern verortet. Auch beim „Nordseegipfel“ in Hamburg wurde Reformbedarf festgestellt. Eine aktuelle Studie von EnBW und Frontier Economics liefert konkrete Vorschläge für ein neues Auktionsmodell, das zu Geboten führen soll. Im Interview erläutert Lara Schech, Leiterin des Offshore Wind Competence Center der EnBW, die wichtigsten Ansatzpunkte der Studie und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Gestaltung von Offshore‑Wind‑Auktionen.

EEHH: Sie haben mit Frontier Economics eine Studie veröffentlicht, die darlegt, wie zukünftig das Offshore Fördersystem weiterentwickelt werden müsste, um die Ausbauziele zu erreichen. Können Sie die wesentlichen Erkenntnisse der Studie kurz erläutern?

Lara Schech: Die Studie kommt zu dem Schluss, dass wir für den weiteren Offshore-Wind-Ausbau einen Förderrahmen brauchen, der Risiken besser verteilt, Investitionen verlässlich ermöglicht und gleichzeitig marktnah bleibt. Vor dem Hintergrund der anstehenden Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes zeigt Frontier Economics, wie staatliche und Entwicklerinteressen besser in Einklang gebracht werden können, um die Realisierungswahrscheinlichkeit von Projekten zu erhöhen.

Grundlage der Studie ist die erwartete Einführung von zweiseitigen Differenzverträgen, sogenannten Contracts for Difference, kurz CfDs. Dabei wird in einer Auktion ein Referenzpreis festgelegt, der während der Betriebsphase mit dem Marktstrompreis abgeglichen wird. Liegt der Marktpreis unter dem Referenzpreis, bekommt der Betreiber die Differenz vom Staat erstattet. Liegt der Marktwert darüber, zahlt der Betreiber diese Differenz wiederum an den Staat zurück.

Frontier Economics hat verschiedene Ausgestaltungsmodelle verglichen, insbesondere produktionsabhängige CfDs, die sich am tatsächlichen Stromertrag des Windparks bemessen, und produktionsunabhängige CfDs, die an einem Referenz-Windpark bemessen werden. Ist letzterer geeignet kalibriert, unterscheidet sich das Renditeprofil zwischen den Modellen nur geringfügig. Die Studie empfiehlt dennoch produktionsabhängige CfDs als Modell der Wahl. Sie sind international erprobt und verhältnismäßig einfach umzusetzen. Produktionsunabhängige Modelle sind deutlich komplexer und dadurch fehleranfälliger im Design. Gerade angesichts knapper Zeitpläne und den bereits bestehenden Umsetzungsrisiken ist das entscheidend. Einen erneuten Offshore-Fadenriss können wir uns nicht leisten.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Indexierung des Referenzpreises. In der Studie wird eine konkrete Lösung entwickelt, bei der besonders kostenintensive und volatile Komponenten, etwa Windenergieanlagen oder Stahl, über spezifische Indizes berücksichtigt werden. Andere Kosten werden entlang der allgemeinen Inflationsrate angepasst. Das erhöht die Realisierungswahrscheinlichkeit, ohne Risiken vollständig auf den Staat zu verlagern.

Ohne eine entsprechende Anpassung der regulatorischen Rahmenbedingungen birgt der flächendeckende Einsatz von CfDs das Risiko, den PPA-Markt zu verdrängen. Um beides zu erhalten und kompatibel zu gestalten, schlägt die Studie ein zweistufiges Vergabesystem vor: Entwickler können nach Zuschlag, bis spätestens zur finalen Investitionsentscheidung, freiwillig Teile oder sogar die gesamte Kapazität aus dem CfD-Regime herauslösen und über langfristige Stromabnahmeverträge vermarkten. Um „Cherry Picking“ zu vermeiden, ist eine Rückkehr in den CfD dann nicht mehr möglich. Dennoch bleibt der Weg zur Marktintegration von Offshore-Wind damit offen.

 

EEHH: Wie unterscheidet sich das von Ihnen vorgeschlagene produktionsbasierte CfD konkret vom derzeitigen deutschen Offshore-Fördersystem hinsichtlich (a) Preismechanismus, (b) Risikoverteilung und c) Flexibilität für Investoren?

Lara Schech: In der Vergangenheit wurden Projekte in Deutschland über eine gleitende Marktprämie gefördert. Nachdem es ab 2017 zu Auktionen mit Nullgeboten kam, mit denen Entwickler auf eine Förderung verzichteten, wurde das Auktionssystem umgestellt und setzte vorrangig auf marktgetriebene Erlöse. Die Projekte, die in den letzten Jahren bezuschlagt wurden, sind damit von zukünftigen Strompreisen oder dem Abschluss von PPAs abhängig. Beim zweiseitigen CfD wird das Strompreisrisiko zwischen Staat und Entwickler hingegen geteilt. Das Downside-Risiko wird vom Staat übernommen, dafür partizipiert er auch an hohen Marktpreisen.

Durch die von Frontier Economics vorgeschlagene Indexierung werden zusätzlich Kosten- und Finanzierungsrisiken geteilt. Diese haben erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit und Realisierbarkeit von Projekten. Gleichzeitig hat der Staat ein hohes Interesse an der Erreichung seiner Energie- und Klimaziele. Da die Flächenvergaben in Deutschland bis zu sieben Jahre vor der Inbetriebnahme eines Offshore-Windparks liegen, ist die Indexierung besonders wichtig, weil sich in dieser langen Periode erhebliche Projektrisiken materialisieren können. Die Indexierung soll aber keine „Vollkaskoversicherung“ für den Entwickler darstellen, sondern lediglich unproduktive Risiken abfedern. Optimierungsanreize bleiben durch einen vorab festgelegten nicht-indexierten Anteil bestehen.

Mehr Flexibilität für Investoren bietet die empfohlene PPA-Ausstiegsoption. Mit diesem Carve-out Modell können Entwickler ihre Vermarktungsstrategie an sich ändernde Marktbedingungen anpassen und tragen dazu bei, den PPA-Markt trotz CfD-Förderung aufrechtzuhalten.

 

EEHH: Können Sie die zu erwartende Kostenstruktur des neuen produktionsbasierten CfD‑Modells kurz darstellen? Insbesondere das Verhältnis staatlicher vs. marktseitiger Kosten?

Lara Schech: Beim produktionsbasierten CfD fallen staatliche Zahlungen nicht per se dauerhaft an, wie bei einer festen Einspeisevergütung, sondern abhängig von der Marktpreisentwicklung. Staatliche Kosten entstehen dann, wenn der Marktpreis unter dem vereinbaren Referenzpreis liegt. Liegt der Marktpreis darüber, kommt es zu Rückzahlungen vom Betreiber an den Staat. Über die Laufzeit können sich diese Zahlungen theoretisch ausgleichen, die schlussendliche Balance hängt aber von der Marktpreisentwicklung ab.

Der Staat soll eher eine absichernde Rolle in Grenzfällen einnehmen. Das vorgeschlagene CfD-Modell sieht zudem einen freiwilligen Wechsel in den PPA-Markt vor, der entschieden werden muss, bevor überhaupt Zahlungen zwischen Staat und Erzeugern geflossen sind. Wird diese Option gezogen, fallen dadurch auch weniger Zahlungen durch den Staat an.

Ein neues Auktionsdesign soll zu mehr realisierten Offshore Projekten führen | Credit: Böthling

EEHH: Bei der letzten Offshore‑Ausschreibung in der Nordsee blieben Angebote aus. Welche konkreten Elemente des produktionsbasierten CfD sollen solche No‑Bid‑Situationen verhindern (z. B. frühzeitige Preis‑Anpassungen, Ausstiegsoptionen, Risiko‑Transfer‑Mechanismen) und wie wirken sie in der Praxis?

Lara Schech: Die Offshore-Wind-Branche war in den letzten Jahren von hohen Unsicherheiten hinsichtlich Kosten- und Strompreisentwicklungen, Absatzmärkten und Projektzeitplänen geprägt. Nicht nur in Deutschland, sondern bei zahlreichen europäischen Offshore-Ausschreibungen blieben letztes Jahr die Gebote aus. Grund ist fast durchweg, dass Projekte unter den gegebenen Auktions- und Förderregimen nicht wirtschaftlich realisierbar sind. Zwischen der erwarteten Rendite und den Kostenrisiken besteht ein zu großes Ungleichgewicht.

Das durch die Studie vorgeschlagene CfD-Modell setzt hier an wesentlichen Punkten an: Erlösabsicherung, Kostenabsicherung und Finanzierbarkeit. Durch die Absicherung der Marktpreisrisiken werden Unsicherheiten über zukünftige Erlöse deutlich verringert. Die daraus entstehende Planbarkeit der Cashflows verbessert die Bankability von Projekten. Und die Indexierung des Referenzpreises reduziert das Risiko unerwarteter Kostensteigerungen, wie wir sie beispielsweise durch die Pandemie oder den Überfall auf die Ukraine erlebt haben. Die Risikostruktur wird also insgesamt verbessert und wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden besser kalkulierbar. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt wieder Gebote abgegeben werden.

Wichtig ist mir aber auch die Anmerkung: Selbst bei Einführung eines CfDs kann es sein, dass eine Auktion zukünftig bieterlos bleibt, etwa wenn die Höhe des CfD-Referenzpreises gedeckelt ist oder zu rigide Realisierungsfristen vorgegeben sind. Der Erfolg einer Auktion bemisst sich außerdem nicht daran, ob Projekte darin bezuschlagt werden, sondern ob diese Projekte realisiert werden und damit tatsächlich zum Ausbau der erneuerbaren Energien beitragen. Dazu trägt nicht nur der zweiseitige CfD, sondern insbesondere auch dessen Indexierung bei.

 

EEHH: Der Nordseegipfel im Januar 2026 in Hamburg wurde von der Branche sehr positiv aufgenommen. Was nehmen Sie aus der Veranstaltung mit und was sollten die nächsten Schritte daraus für die Offshore-Windenergie sein?

Lara Schech: Auch wir blicken positiv auf den Nordseegipfel zurück. Das Zeichen, das von ihm ausging, war für die Branche sehr wichtig, insbesondere das eindeutige Bekenntnis zu Offshore-Wind im Kontext von Klimaneutralität und Wettbewerbsfähigkeit.

In Deutschland ist die anstehende WindSeeG-Novelle jetzt der Hebel für den in der Hamburg-Erklärung ausgerufenen „Neustart für die Offshore-Windindustrie“. Mit der Studie haben wir einen konkreten Vorschlag für einen soliden Investitionsrahmen für zukünftige Offshore-Wind-Projekte gemacht. Dessen Umsetzung wäre ein wichtiger nächster Schritt zur wirtschaftlichen Realisierung von Projekten. Darüber hinaus empfehlen wir beispielsweise die Begrenzung der Auktionszuschläge auf „eine Fläche pro Bieter“ zum Erhalt der Stakeholdervielfalt und zur Vermeidung von Klumpenrisiken hinsichtlich des Offshore-Ausbaus.  

Übergeordnet reicht es nicht, auf Ausbauziele in Gigawatt zu schauen. Viel wichtiger sind die tatsächlich bereitgestellten Energiemengen. Dafür braucht es genügend regulatorischen Spielraum, um die Offshore-Flächenkulisse ganzheitlich weiterzuentwickeln und zu optimieren. Bereits das Auktionsdesign kann systemintegrative Ansätze fördern und entsprechende Anreize für Innovation und Flexibilität bieten.

Im Interview

Lara Schech leitet das Offshore Wind Competence Center der EnBW. Ihr Team bewertet regulatorische und marktliche Entwicklungen, arbeitet an strategischen Grundsatzfragen und berät die Offshore-Wind-Projekte des Unternehmens. Zuvor verantwortete sie als Projektleiterin die Entwicklung des Offshore-Wind-Projekts Dreekant (1 GW, Nordsee) und war im Strategie- und Energiewirtschaftsbereich der EnBW tätig. Sie ist Energieökonomin und hat in Frankreich, China, Deutschland und Russland studiert.

Über Tim Zeige

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Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

von Tim Zeige