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Neue Maßstäbe in der industriellen e‑SAF-Produktion Interview mit Marc Siegel, Head of Sales – Product Offtake bei INERATEC

Ineratec präsentiert mit der in Frankfurt‑Höchst installierten Power‑to‑Liquid-Anlage ERA ONE Europas größte kommerzielle Produktionsstätte für e‑SAF. Durch ein modular aufgebautes Konzept ermöglicht das Projekt schnelle Skalierung und die Erzeugung von Drop‑in‑fähigen synthetischen Kraftstoffen, die direkt in bestehende Flugzeugtriebwerke einsatzfähig sind. Parallel koordiniert Ineratec unter dem Giga PtX-Projekt mit Rheinmetall eine dezentrale Netzwerkstrategie, um die Versorgungssicherheit militärischer und ziviler Flotten zu erhöhen. Der Fokus liegt auf einer nachhaltigen Wertschöpfungskette, verlässlichen Rohstoffverfügbarkeit und klaren politischen Rahmenbedingungen, die Investitionssicherheit sowie Markt‑ und Lieferkettenschlüssel schaffen.

Neue Maßstäbe in der industriellen e‑SAF-Produktion
e-SAF-Produktionsnalage von INERATEC in Fankfurt-Höchst. Credit: Ineratec

Ineratec betreibt in Frankfurt Hoechst eine der ersten deutschen Anlagen, die kommerziell e-SAF herstellt- was ist das Besondere an der Anlage und warum haben Sie sich für den Standort in Frankfurt entschieden?

Das Besondere an ERA ONE ist, dass wir Power-to-Liquid-Technologie aus dem Demonstrationsmaßstab in die kommerzielle Produktion überführt haben. Die Anlage ist Europas größte kommerzielle Power-to-Liquid-Anlage und kann jährlich bis zu 2.500 Tonnen synthetische Kraftstoffe produzieren – darunter e-SAF für die Luftfahrt. Damit zeigen wir: e-Fuels sind keine Zukunftsmusik, sondern heute bereits industriell herstellbar. Ein weiterer Vorteil ist unser modulares Anlagenkonzept, dass eine schnelle Skalierung ermöglicht. Die erzeugten Kraftstoffe sind zudem „drop-in-fähig“ und können damit in der bestehenden Infrastruktur und – nach der erforderlichen Weiterverarbeitung und Zertifizierung – in heutigen Flugzeugtriebwerken eingesetzt werden.

Für Frankfurt-Höchst haben wir uns entschieden, weil der Industriepark ideale Voraussetzungen für eine Power-to-Liquid-Anlage bietet. Die beiden zentralen Ausgangsstoffe stehen direkt am Standort zur Verfügung: Das CO₂ stammt aus einer Biogasanlage, die Abfälle verwertet, und der Wasserstoff fällt bei der Chlorproduktion als Nebenprodukt an. Diese Kombination ermöglicht kurze Wege, effiziente Stoffkreisläufe und eine verlässliche Produktion. Frankfurt-Höchst ist für uns deshalb der ideale Standort, um den Übergang von einer innovativen Technologie zu einer skalierbaren Industrie für klimafreundliche Kraftstoffe zu demonstrieren.

 

Wie will Ineratec eine Skalierung von e-SAF Produktionsanlagen in Deutschland vorantreiben?

Wir treiben die Skalierung von e-SAF in Deutschland über drei zentrale Hebel voran: standardisierte Technologie, starke Industriepartnerschaften und verlässliche Rahmenbedingungen.

Mit ERA ONE in Frankfurt-Höchst haben wir zunächst gezeigt, dass unsere Power-to-Liquid-Technologie auch im kommerziellen Maßstab funktioniert. Auf dieser Grundlage wollen wir weitere, größere Produktionskapazitäten realisieren. Unser modulares Anlagenkonzept ist dafür entscheidend: Es ermöglicht uns, erprobte Produktionseinheiten zu standardisieren, an unterschiedlichen Standorten einzusetzen und die Kapazitäten schneller sowie kosteneffizienter zu erweitern. Parallel erhöhen wir durch technologische Weiterentwicklungen die e-SAF-Ausbeute und senken damit schrittweise die Produktionskosten.

Eine skalierbare e-SAF-Industrie entsteht jedoch nicht allein durch den Bau einzelner Anlagen. Deshalb arbeiten wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit Energieversorgern, Technologiepartnern, Raffinerien, Logistikunternehmen, Flughäfen und Abnehmern aus der Luftfahrt zusammen. Benötigt werden zudem Standorte mit ausreichend bezahlbarer erneuerbarer Energie, grünem Wasserstoff und nachhaltigen CO₂-Quellen.

Damit aus Pionierprojekten eine wettbewerbsfähige Industrie „made in Germany“ wird, braucht es außerdem langfristige Investitions- und Planungssicherheit: klare Quoten, verlässliche Zertifizierungsregeln, schnelle Genehmigungsverfahren und geeignete Finanzierungsinstrumente. ReFuelEU Aviation schafft hierfür einen wichtigen Nachfrageimpuls. Unser Ziel ist es, die Produktion durch weitere Projekte bis 2030 deutlich zu vervielfachen und e-SAF Schritt für Schritt in industriell relevanten Mengen verfügbar zu machen.


Welche Parameter sind für Ineratec essentiell, wenn das Unternehmen nach neuen Standorten sucht?

Bei der Auswahl neuer Standorte betrachten wir die gesamte Wertschöpfungskette. Entscheidend ist zunächst die verlässliche Verfügbarkeit unserer zentralen Ausgangsstoffe: erneuerbarer Strom, grüner Wasserstoff und nachhaltiges CO₂ – beispielsweise aus biogenen Quellen. Dabei zählen nicht nur die verfügbaren Mengen, sondern ebenso Qualität, Kosten und langfristige Versorgungssicherheit.

Darüber hinaus prüfen wir die genehmigungsrechtlichen Rahmenbedingungen, die Verfügbarkeit geeigneter Flächen und Fachkräfte sowie die Erweiterungsmöglichkeiten des Standorts. Denn wir planen nicht nur für eine erste Ausbaustufe: Ein Standort muss das Potenzial bieten, die Produktionskapazität langfristig zu skalieren.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe eher „weicher“ Standortfaktoren, die unsere Entscheidung positiv beeinflussen können, aber keine zwingenden Voraussetzungen darstellen. Dazu zählen beispielsweise eine gut ausgebaute industrielle Infrastruktur, vorhandene Lager- und Logistikkapazitäten sowie die räumliche Nähe zu Partnern für die Weiterverarbeitung oder zu potenziellen Abnehmern. Solche Standortvorteile können Transportwege verkürzen, Kooperationen erleichtern und die Wirtschaftlichkeit eines Projekts verbessern. Um beispielsweise den Einsatz regional erzeugten SAFs zu fördern, vergütet der Hamburg Airport Helmut Schmidt Fluggesellschaften, die ab Hamburg fliegen, 300 Euro je Tonne eingesetztem reinen SAF im Kraftstoffblend. Entscheidend ist jedoch stets das Gesamtbild – nicht jeder Standort muss alle diese Voraussetzungen gleichermaßen erfüllen.

 

Im Projekt Giga PtX kooperiert Ineratec mit Rheinmetall. Können Sie das Projekt und die Besonderheiten des Projekts beschreiben?

Giga PtX ist eine Lösung für den Aufbau einer resilienten und zunehmend unabhängigen Kraftstoffversorgung in Europa. Gemeinsam mit Rheinmetall und weiteren Technologiepartnern wollen wir ein europaweites Netzwerk aus mehreren hundert dezentralen Power-to-Liquid-Anlagen schaffen, das die unabhängige Kraftstoffversorgung der Streitkräfte der NATO-Partner sicherstellt.

Das Besondere an Giga PtX ist der dezentrale und modulare Ansatz. Statt auf wenige große und damit potenziell verwundbare Raffinerien zu setzen, sieht das Konzept viele kompakte, miteinander vernetzte Produktionsstandorte vor. Diese können in der Nähe strategischer Verbraucher errichtet werden und lokal verfügbare erneuerbare Energie sowie CO₂ und Wasserstoff nutzen. Die Anlagen sollen bei Bedarf unabhängig vom öffentlichen Stromnetz betrieben und aufgrund ihrer kompakten Bauweise besonders geschützt installiert werden können. So entstehen Redundanz, Flexibilität und eine deutlich höhere Versorgungssicherheit – sowohl in Friedenszeiten als auch in Krisen- und Verteidigungsszenarien.

Ein wesentlicher Vorteil ist, dass die erzeugten Drop-in-Kraftstoffe in bestehenden Fahrzeugen, Flugzeugen und Logistiksystemen eingesetzt werden können. Es müssen also nicht zunächst vollständige neue Flotten oder Versorgungsstrukturen aufgebaut werden. Giga PtX verbindet damit drei Ziele: die Resilienz kritischer Infrastruktur, eine größere europäische Energieautonomie und die schrittweise Abkehr von fossilen Rohstoffen.

 

Könnte die militärische Entwicklung ein Treiber für die zivile e-SAF Nutzung sein?

Genau hier setzt Giga PtX an. Im Krisen- oder Verteidigungsfall stärken diese Anlagen die Resilienz und Unabhängigkeit der europäischen Kraftstoffversorgung. In Friedenszeiten können die produzierten Kraftstoffe jedoch der allgemeinen beziehungsweise zivilen Nutzung zugeführt werden – etwa als e-SAF für den Luftverkehr. Dadurch werden die Anlagen kontinuierlich ausgelastet und schaffen zusätzliche Produktionsmengen für den wachsenden zivilen Markt.

Entscheidend ist dabei der Skalierungseffekt: Langfristige Abnahmebedarfe im Verteidigungsbereich können Investitionen in neue Produktionsanlagen absichern, technologische Standards etablieren und dazu beitragen, die Kosten synthetischer Kraftstoffe schrittweise zu senken. Davon profitiert anschließend auch der zivile Markt – insbesondere die Luftfahrt, die für Langstrecken auf energiedichte, flüssige Kraftstoffe angewiesen bleibt.

Giga PtX stärkt Europas Versorgungs- und Energiesicherheit und leistet zugleich einen signifikanten Beitrag zur Reduktion der CO₂-Emissionen sowie zur Defossilisierung der Luftfahrt. Militärische und zivile Nutzung sind in diesem Fall keine Gegensätze, sondern können gemeinsam den industriellen Hochlauf von e-SAF beschleunigen.

 

Wie müssen die politischen Rahmenbedingungen aussehen, damit der Markhochlauf gelingt?

Damit der Markthochlauf von nachhaltigen e-Fuels und anderen Power-to-X-Produkten gelingt, braucht es vor allem langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen, die Investitionssicherheit schaffen. Der Aufbau neuer Wertschöpfungsketten erfordert hohe Anfangsinvestitionen und Planungshorizonte von zehn bis 15 Jahren. Deshalb sind stabile regulatorische Vorgaben, klare Quotenregelungen und ein konsistenter europäischer Rechtsrahmen entscheidend. Gleichzeitig sollten Anreize geschaffen werden, die den Markthochlauf neuer Technologien beschleunigen und den Aufbau der erforderlichen Infrastruktur unterstützen.

 

Darüber hinaus sollten politische Instrumente gezielt dazu beitragen, lokale Wertschöpfung und industrielle Arbeitsplätze in Deutschland und Europa zu stärken. Wer heute in den Aufbau einer heimischen e-Fuel-Industrie investiert, schafft nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz, sondern sichert auch technologisches Know-how, Innovationen und hochwertige Industriearbeitsplätze. Fördermechanismen und Ausschreibungsmodelle sollten deshalb die europäische Wertschöpfung angemessen berücksichtigen.

Ein weiterer wichtiger Hebel ist die öffentliche Hand als Ankerkunden. Staatliche Einrichtungen können durch gezielte Beschaffungsprogramme frühzeitig Nachfrage schaffen und damit den Markthochlauf unterstützen. Insbesondere Flugzeugflotten der öffentlichen Hand („weiße Flotte“), aber auch Anwendungen in Bereichen wie Luftfahrt, Schifffahrt oder kritischer Infrastruktur können als wichtige Leitmärkte fungieren und Investitionen absichern.

Aus Sicht von INERATEC braucht es daher einen Dreiklang aus:

·        langfristiger regulatorischer Verlässlichkeit und Investitionssicherheit,

·        gezielter Förderung europäischer Wertschöpfung und industrieller Arbeitsplätze,

·        sowie einer aktiven Rolle der öffentlichen Hand als frühem Abnehmer nachhaltiger Kraftstoffe.

 


Inwiefern ist für Ihr Unternehmen als Erzeuger eine Kooperation mit Intermediären, Fluggesellschaften oder Flughäfen entscheidend? Mit wem kooperiert INERATEC aktuell und was ist das Ziel dieser Kooperationen?
Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind für den Markthochlauf von e-SAF entscheidend. Als Produzent können wir den synthetischen Kraftstoff bereitstellen, für den Einsatz im regulären Flugbetrieb müssen jedoch zahlreiche weitere Schritte ineinandergreifen: Aufbereitung, Zertifizierung, Beimischung, Logistik, Inverkehrbringung und Betankung. Intermediäre übernehmen dabei eine wichtige Brückenfunktion zwischen Produktion und Markt. Fluggesellschaften wiederum schaffen konkrete Nachfrage und liefern wichtige Erkenntnisse zu Mengenbedarf und Einsatzanforderungen. Flughäfen sind unverzichtbar, wenn es darum geht, e-SAF in bestehende Versorgungs- und Betankungsprozesse zu integrieren.

 

INERATEC arbeitet deshalb mit unterschiedlichen Partnern aus der Luftfahrt-, Energie-, Logistik- und Technologiebranche zusammen, dazu gehören beispielsweise KLM Cityhopper, Hamburg Airport, MB Energy und ASG-Analytik-Service. Gemeinsam wurde gezeigt, wie in Deutschland hergestelltes synthetisches Kerosin über bestehende Infrastrukturen in den regulären Flugbetrieb integriert werden kann.

Das übergeordnete Ziel all dieser Kooperationen ist es, eine durchgängige und belastbare e-SAF-Wertschöpfungskette aufzubauen: von der effizienten Produktion über die normgerechte Aufbereitung und Distribution bis zum Einsatz im Flugzeug. Gleichzeitig wollen wir Investitionssicherheit schaffen, die Produktionsmengen skalieren und die Kosten schrittweise senken.

Im Interview

Marc Siegel leitet als Head of Sales – Product Offtake bei INERATEC die Vermarktung von e-Fuels und synthetischen Chemikalien. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau langfristiger Kundenbeziehungen und strategischer Partnerschaften sowie auf der Umsetzung von Offtake-Vereinbarungen, die den Markthochlauf nachhaltiger Produkte unterstützen. Der Branchenexperte verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in Business Development, Vertrieb und Marketing in der chemischen Industrie. Zu seinen beruflichen Stationen zählen unter anderem Engelhard, SABIC, Sasol und Verbio, wo er umfassende Expertise in den Bereichen Spezialchemikalien und nachhaltige Kraftstoffe aufgebaut hat.

Über Oliver Schenk

Profilbild zu: Oliver Schenk

Ich bin verantwortlich für den Bereich Marketing Wasserstoff und sorge dafür, dass die hiesigen Projekte und Formate in der Metropolregion Hamburg und darüber hinaus wahrgenommen werden. Um dem vielversprechenden Energieträger zum Durchbruch zu verhelfen unterstütze ich die Wasserstoffwirtschaft mit redaktionellen Beiträgen, Netzwerkveranstaltungen, Videoproduktionen und vielem mehr.

von Oliver Schenk