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„Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, um den Markthochlauf anzutreiben“ Interview mit Henry Riedl und Sandra Meyer-Ghosh aus dem NRL-Teilvorhaben „Industrielle Transformation & gesellschaftliche Teilhabe“

Fünf mögliche Szenarien und nur eines, dass den Wasserstoffhochlauf begünstigt. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen sozialwissenschaftlichen Studie des Norddeutschen Reallabors (NRL). Wie dieses Szenario aussieht, die wichtigsten Erkenntnisse der Studie und die Bewertung von Hochlauffaktoren unterschiedlichster Stakeholder erläutern Henry Riedl und Sandra Meyer Gosh im exklusiven EEHH-Interview.

EEHH: Ende 2025 haben Sie eine umfangreiche sozialwissenschaftliche Studie auf Basis der NRL Transformation Labs veröffentlicht, die Akteure der Energiewende miteinander ins Gespräch gebracht haben. Thematischer Schwerpunkt der Veröffentlichung war die Frage danach, wie ein Wasserstoffhochlauf gelingen kann. Können Sie die wesentlichen Erkenntnisse kurz darlegen?

Sandra Meyer-Ghosh: Die Transformation Labs haben uns erlaubt, die vielen verschiedenen Perspektiven unterschiedlicher Stakeholdergruppen miteinander zu verknüpfen, sodass wir einen ganzheitlichen Blick auf die Transformation unserer Energieversorgung werfen können. So konnten wir zeigen, dass der Wasserstoffmarkthochlauf von mehreren interdependenten Faktoren abhängt, die den industriellen Einsatz von grünem Wasserstoff begünstigen oder aber hemmen. Letztendlich entscheidet sich der Hochlauf an der Wirtschaftlichkeit von Geschäftsmodellen, wobei im Grunde alle anderen Faktoren auf das Erreichen eben dieser Wirtschaftlichkeit abzielen. Die Regulatorik bildet dafür den Rahmen, in dem sich die weiteren Faktoren bewegen.  Auch die gesellschaftliche Akzeptanz war in den Labs ein viel diskutierter Aspekt, der sich auf den Wasserstoffhochlauf auswirkt.

Henry Riedl: Unsere Szenarioanalyse zeigt, dass sich der Wasserstoffhochlauf zurzeit jedoch in einem Hemmniskreislauf befindet. Die Teilnehmenden der Labs haben viele hemmende Wirkungen zwischen den Faktoren identifiziert, sodass sich eine Art Teufelskreis bildet, in dem ein Faktor den nächsten blockiert: Wirtschaftlichkeit lässt sich zurzeit schwierig erreichen, weil Planbarkeit und gesicherte Verfügbarkeit nicht gegeben sind. Die wiederum hängen von dem Stand der Infrastruktur, der Schnelligkeit von Genehmigungsverfahren und einer stabilen Regulatorik ab. Diese Faktoren leben jedoch von den Erfahrungen aus der praktischen Umsetzung, die noch nicht wirtschaftlich ist. Durch dieses Hemmnisgeflecht ist es schwierig, einzelne Faktoren zu verbessern, sondern es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, um den Markthochlauf anzutreiben.

 

EEHH: Sie haben fünf mögliche Szenarien für Wasserstoff identifiziert, bei denen nur eines dem Hochlauf zuträglich sei. Wie weit sind wir von diesem Szenario entfernt?

Henry Riedl: Das Hochlaufszenario, wie wir es nennen, zeigt die mögliche Zukunft, in der für alle Einflussfaktoren eine vorteilhafte Ausprägung zutage tritt. Das bedeutet, in dieser Version gibt es schlicht und ergreifend keine Hemmnisse. Es liegt also auf der Hand, dass sich das Hochlaufszenario in allen Ausprägungen vom Status Quo unterscheidet, indem die Hürden für den Wasserstoffhochlauf bekanntermaßen groß sind. Die anderen vier Szenarien sind Blockadeszenarien: Sie zeigen Zukünfte, in denen die Einflussgrößen sich auch weiterhin negativ entwickeln. Der – aus sozialwissenschaftlicher Sicht ungewöhnliche – Mangel an Mittelwert-Szenarien, in denen sowohl wünschenswerte als auch unerwünschte Ausprägungen koexistieren, deutet wie gesagt darauf hin, dass die Transformation aus Sicht der Lab-Teilnehmenden nicht durch Einzelmaßnahmen erreichbar ist. Sondern es braucht ein ganzheitliches Verständnis des komplexen Wirkungsgeflechts, um den Hochlauf sinnvoll zu unterstützen.

 

EEHH: Sie sprechen in Ihrer Arbeit davon, dass die bisherige Forschung zu grünem Wasserstoff und Sektorenkopplung vor allem technisch geprägt sei, was für eine effiziente Transformation zur Klimaneutralität allerdings nicht ausreiche. Vielmehr sei ein gesamtsystemischer Transformationsansatz nötig ist. Können Sie ein praxisnahes Beispiel nennen, wo diese Perspektive helfen kann?

Henry Riedl: Ein sektorenübergreifendes Beispiel, das in allen Transformation Labs zur Sprache kam, ist der zu langsame Ausbau der Infrastruktur. Im Wasserstoff-Kontext bezieht sich das auf den Ausbau des Kernnetzes. Der verläuft jedoch vor einem ganz anderen zeitlichen Planungshintergrund als unternehmerische Kalkulationen. Konkret bedeutet das, dass Unternehmen ihre Investitionen in der Regel in fünf Jahren wieder drin haben wollen, die Infrastruktur sich aber erst nach Jahrzehnten rechnet. Ohne konkrete Nachfrage von Unternehmen kommt in den Netzausbau jedoch auch kein Schwung rein. Es reicht also nicht, dass Wasserstoffproduzenten und -nutzer die notwendigen Technologien haben, sondern diese Technologien müssen in ein System integriert werden, das auch ökonomische, regulatorische und soziale Logiken abbilden muss.

Wasserstoff in der Industrie | Copyright NRL

EEHH: Sie haben in den Labs sowohl mit Stakeholdern aus Wirtschaft, Politik und Forschung als auch – in einer separaten Veranstaltung – mit Bürger:innen gesprochen. Was waren die größten Unterschiede in den Perspektiven auf die Transformation bei diesen Zielgruppen?

Sandra Meyer-Ghosh: Die Transformation Labs haben ihren Wert vor allem darin, dass sie verschiedene Perspektiven zu einem Gesamtbild aggregieren, das aus der Perspektive einzelner Stakeholdergruppen gar nicht zu überblicken wäre. Dabei ergeben sich aber natürlich sehr individuelle Schwerpunkte für unterschiedliche Akteure. Ein Beispiel: Über grünen Wasserstoff haben wir nicht nur in den Transformation Labs, sondern auch in unserem Zukunftsworkshop mit Bürger:innen diskutiert. Hier gab es einen Thementisch, an dem in einem Planspiel fiktive Unternehmen mit Wasserstoff-Einheiten versorgt werden mussten. Dabei zeigte sich, dass der Fokus der Teilnehmenden sehr stark auf einer gerechten und energieeffizienten Verteilung lag, während für die Fachakteure in den Transformation Labs die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen und Projekte vorrangig war. Solche Erkenntnisse sind wichtig, weil sie mögliche Konfliktlinien aufzeigen, denen man frühzeitig begegnen kann.

 

EEHH: Neben Wirtschaftlichkeit, Infrastruktur und Regulatorik stellt die Studie auch gesellschaftliche Akzeptanz als Hemmnis für den Markthochlauf vor, insbesondere vor dem Hintergrund eines fehlenden sozialen Ausgleichs und steigenden Belastungen für Bevölkerung durch Um- und Ausbau der Infrastruktur. Welche Gegenmaßnahmen schlagen Sie vor?

Sandra Meyer-Ghosh: Eine Handlungsempfehlung, die wir aus den Stakeholder-Diskussionen in den Transformation Labs ableiten konnten, zielt auf eine transparente und glaubwürdige Öffentlichkeitsarbeit: Wollen wir gesellschaftliche Akzeptanz für die Energiewende erreichen, dürfen wir auch die schmerzhaften Punkte des Umbaus nicht aussparen. Gleichzeitig sollte aber auch das „Wofür“ der Belastungen vermittelt werden. Dezentralere Strukturen wirken sich zum Beispiel positiv auf die Resilienz unseres Energiesystems aus, eigene Erzeugungskapazitäten machen uns unabhängiger von Importen. Das sind durchaus Argumente von Gewicht, die dem derzeitigen Unsicherheitsgefühl der Gesellschaft entgegenwirken und die Akzeptanz für die Transformation und ihre Herausforderungen stärken können. Und natürlich erhöht die Möglichkeit einer direkten Teilhabe den gesellschaftlichen Rückhalt, sei es durch die Einbindung der Stadt bzw. Kommune oder durch direkte Bürgerbeteiligung, z. B. an Energiegenossenschaften. Für grünen Wasserstoff sind solche Beteiligungskonzepte allerdings bislang eher rar – umso wichtiger ist der erste Punkt: eine ausgewogene Kommunikation über Kosten und Nutzen des Hochlaufs.

 

EEHH: Die Transformation Labs fanden 2024 statt, Ihre Analyse erschien im Dezember 2025. Haben sich einzelne Faktoren in dieser Periode verändert zum besseren oder schlechteren?

Henry Riedl: Die Wasserstoff-Thematik ist natürlich sehr dynamisch und entwickelt sich rasant weiter, wobei durch das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz, den Ausbau des Kernnetzes oder die Bearbeitung der THG-Quote wichtige Weichen gestellt werden. Deshalb werden wir im letzten Projektjahr Fokusgruppen durchführen, in denen die Ergebnisse der Transformation Labs vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen diskutiert werden. Diese Möglichkeit zur erneuten Rückkopplung ist einer der großen Vorteile der Einbettung von sozialwissenschaftlicher Forschung in ein Großprojekt wie das NRL.

 

Henry Riedl und Dr. Sandra Meyer-Ghosh arbeiten beide als wissenschaftliche:r Mitarbeiter:in am Competence Center für Erneuerbare Energien und EnergieEffizienz (CC4E) der HAW Hamburg.

Im Interview

Henry Riedl ist zuständig für die inhaltsanalytische Auswertung der Veranstaltungsreihe „NRL Transformation Labs“ im Rahmen des Teilvorhabens „Industrielle Transformation und gesellschaftliche Teilhabe“ des Norddeutschen Reallabors (NRL), einem länderübergreifenden Energiewende-Verbundprojekt mit 50 Partnern aus Industrie, Energiewirtschaft, Wissenschaft und Politik (Laufzeit 2021-2027).

Im Interview

Dr. Sandra Annika Meyer-Ghosh leitet die NRL-Arbeitsgruppe „Industrielle Transformation, gesellschaftliche Teilhabe und Transfer“. Mit ihrem Team konzipierte sie die NRL Transformation Labs als Stakeholder-Beteiligungsformat in industriellen Transformationsprozessen.

Über Tim Zeige

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Als Projektleiter Wasserstoffwirtschaft Norddeutsches Reallabor (NRL) & operative Begleitung der Norddeutschen Wasserstoffstrategie (NDWS) unterstütze ich das Team der EEHH vielfältig: (B2B) Kommunikation & Marketing, Redaktionelle Tätigkeiten Events uvm. Besonders treibt es mich an meine Fähigkeiten einzusetzen, um innovativen Technologien wie Wasserstoff eine Bühne zu bieten.

von Tim Zeige