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Energiesicherheit lokal gestalten Meinungsbeitrag von Dr. Nima Pegemanyfar, Quest One
Heimische Wasserstoffwirtschaft als systemrelevanter Enabler für Energiesicherheit in Deutschland und für Europa
Die aktuelle Lage auf den globalen Energiemärkten zeigt wie wichtig eine robuste, unabhängige und resiliente Energieversorgung für Deutschland und Europa ist. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Technologien, die Resilienz, Planbarkeit und Innovationsstärke sicherstellen können.
Ein zentraler Baustein ist der konsequente Aufbau einer heimischen Wasserstoffwirtschaft. Wasserstoff ist die Flexibilitätsplattform zwischen Strom, Wärme und Industrie. Elektrolyseure koppeln Strommärkte mit Molekülbedarfen und ermöglichen eine Lastverschiebung und netzdienlichen Betrieb bei hohen Erneuerbaren-Anteilen, das Speichern von Überschussstrom als H₂ für späteren Einsatz sowie die Dekarbonisierung schwer elektrifizierbarer Prozesse. Für Betreiber bedeutet dies höhere Wirtschaftlichkeit, für das Energiesystem mehr Stabilität. Jetzt müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um ihr volles Potenzial zu aktivieren.
Hürden für den Hochlauf
Die Hersteller und Betreiber der Wasserstoffwirtschaft sind in Vorleistung gegangen: Technologie, Fabriken und qualifizierte Teams sind da. Doch hohe Stromkosten, komplexe Nachweisregeln für erneuerbaren Wasserstoff und langsame Genehmigungsprozesse bremsen Projekte aus, noch bevor sie beginnen. Das Ergebnis sind Skaleneffekte, die verpuffen, konstant hohe Wasserstoffkosten und das Vertagen von Investitionen. Ohne verlässliche Nachfragepfade und Investitionssicherheit lassen sich Kostensenkungen durch Skalierung allerdings nicht umsetzen.
Die Wasserstoffbranche hat nach wie vor enormes Wachstumspotenzial – getrieben von Ressourcenunabhängigkeit, Klimazielen, steigender Industrienachfrage und einem globalen Rennen um technologische Führungsrollen. Auch wenn die Branche aktuell noch hinter ihren Erwartungen zurückbleibt, führt kein Weg an grünem Wasserstoff vorbei. Besonders für die Dekarbonisierung der Industrie ist grüner Wasserstoff unerlässlich und wird künftig in sehr großen Volumina benötigt.
Weichenstellung für bessere Planbarkeit
Die Branche braucht jetzt verlässliche Rahmenbedingungen und Leitplanken, an denen sich der Hochlauf orientieren kann. Die Bundesregierung hat dies erkannt und mit dem Wasserstoffförderungsgesetz erste Ansätze geschaffen. Doch vielerorts greifen die beschlossenen Maßnahmen deutlich zu kurz. Auch ist klar, dass einzelne Gesetze den Markthochlauf nicht allein tragen können. Wirtschaftlichkeit und Skalierung hängen stark vom Zusammenspiel der Rahmenparameter ab.
Was jetzt helfen hilft
Wichtige Maßnahmen und Stellschrauben sind aus unserer Sicht der weitere Abbau von Hürden und beschleunigte Verfahren für Genehmigungen, Netzzugang und Nachweisführung. Zudem braucht es einen klaren Kurs bei Netzentgelten: Elektrolyseure sollten auch nach 2029 nicht nur netzentgeltseitig entlastet bleiben, sondern sogar vergütet werden, wenn sie netzdienlich fahren, da sie so die Systemkosten substanziell senken.
Auch die stundengenaue Korrelation zwischen EE‑Erzeugung und Elektrolyse (Hourly Matching) ist besonders in dieser frühen Phase ein zu enges Korsett und kann netzdienliches Fahrverhalten und Speichereffekte unterbinden. Demgegenüber schafft ein phasenweiser Ansatz (z. B. mit flexibler, aber granularer Nachweisführung und netzorientierten Kriterien) Klimanutzen und Investierbarkeit. In diesem Kontext wäre auch ein Wegfall des Zusätzlichkeitskriteriums sinnvoll, da der Ausbau der Erneuerbaren ohnehin parallel erfolgt und gerade durch den netzdienlichen Betrieb und die damit verbundene Stabilisierung des Energienetzes einfacher und sicherer ermöglicht wird.
Eine ambitionierte THG-Quote der Industrie von perspektivisch 2,5 Prozent oder mehr würde darüber hinaus einen verlässlicher Nachfrageanker und somit Planungssicherheit für Investitionen schaffen. Nur so bleiben deutsche und europäische Hersteller wettbewerbsfähig und können ihre Technologieführerschaft behaupten.
Investitionssicherheit durch Standards und Innovation
Vertrauen und Investitionssicherheit entstehen nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, sondern auch aus technologischer Perspektive. Fragen rund um Stack‑Durchlässigkeiten, Gasreinheit oder die sichere Auslegung von O₂‑Abscheidern müssen offen adressiert und technisch nachgeschärft werden. Neue Standards schaffen Klarheit und Vertrauen – ein Fundament, auf dem Investoren und Betreiber planen können.
Ein Beispiel aus der Praxis: Als vor ein bis zwei Jahren in der Branche die Erkenntnis aufkam, dass im Rahmen der PEM-Elektrolyse Stack-Durchlässigkeit zu einem Übertritt von Wasserstoff in die Sauerstoffphase führen kann, stand die Branche vor einem zuvor vernachlässigten Explosionsrisiko im O₂-Abscheider. Quest One versteht sich hier als Innovationstreiber und hat als eines der ersten Unternehmen mit umfassenden realen Explosionstests die Risiken durch Stack-Durchlässigkeit systematisch analysiert und auditiert. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse wurden direkt in das Sicherheitssystem der Anlagen integriert. Quest One geht hier einen proaktiven Weg und trägt dazu bei, den Stand der Technik neu zu definieren, um Elektrolyse wettbewerbsfähig zur Verfügung zu stellen.
Technologie und Praxis „Made in Europe“
Der Technologiestandort Europa verfügt derzeit über eine starke Position im Bereich der Elektrolysetechnologie, gleichzeitig sehen sich europäische Anbieter internationalem Wettbewerb und steigendem Preisdruck ausgesetzt. Mit Initiativen wie Electrolysers for Europe entsteht ein zusätzlicher Rahmen, der Innovation, Qualitätsstandards und faire Wettbewerbsbedingungen unterstützt. Denn Europas Elektrolyseurhersteller sind Technologieführer und das gilt es zu halten: durch smarte Leitmärkte, faire Wettbewerbsbedingungen und innovationsfreundliche Standards.
Ein weiterer Hebel wäre es, Elektrolyse-Anlagen für die eigene Zielgruppe greifbarer zu machen und so den Umstieg zu erleichtern. Quest One baut momentan eine Demonstrationsanlage auf Basis des Großelektrolyseurs MHP in Augsburg. Dort können potenziellen Kunden, Planer und Projektierer, wichtigen Parametern wie Bauphasen, Dimensionen, Innenleben und Infrastruktur unter realen Bedingungen erhalten. Neben intensiven Tests, dem Sammeln von Betriebsdaten und der Schulung von Personal ist die Anlage außerdem ein wichtiges Instrument, um die Leistungs- und Betriebsparameter für industrielle Lösungen weiter zu optimieren.
Viele Hebel für ein Ziel
Deutschland muss sich entscheiden, ob Wasserstoff ein strategisches Element seiner Energiezukunft sein soll – oder eine Technologie, die theoretisch unterstützt, aber praktisch ausgebremst wird. Der Erfolg und die Wirksamkeit von Wasserstoff als Flexibilitätsplattform zwischen Strom, Wärme und Industrie hängt maßgeblich davon ab, wie gut Marktmechanismen, Regulierung und technologische Innovation aufeinander abgestimmt werden. Nur durch dieses Zusammenspiel lassen sich Vertrauen in und Akzeptanz für die Wasserstoff-Technologie nachhaltig stärken.